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RE in Neudenau

Kommentar: Transparente Strukturen sind gefordert

Die Kritik an den geplanten Kürzungen der Regionalverkehrsmittel ist berechtigt, doch es nützt der gesamten Debatte wenig, wenn sämtliche Lobbyisten und Kommentatoren in das allgemeine Wehklagen einstimmen und vom Staat fordern, weiterhin blind Milliarden in das große Fass Nahverkehr zu pumpen, ohne eine ernsthafte Kontrolle über die Verwendung der Mittel zu haben bzw. anzustreben. Laut Gesetz ist es weder Aufgabe der Länder, mit Regionalisierungsmitteln Schienen-Infrastruktur zu finanzieren noch damit der Deutschen Bahn AG (DB) neue Fahrzeuge zu kaufen. Genausowenig hatten die Macher der Bahnreform im Sinn, dass die DB AG (rechtzeitig vor der absehbaren Kürzungsdebatte) bis zu 13jährige Monopolverträge mit nahezu allen Ländern abschließt, Wettbewerb ausbremst und damit den allergrößten Teil dieser Mittel auf Jahrzehnte an sich bindet. Und jeder Fachmann weiß zudem, dass bald Zweidrittel der Regionalisierungsmittel direkt an die DB Netz AG für die vollkommen überteuerte Nutzung der Infrastruktur durchgereicht werden. Hier wäre also in der Tat einiges einzusparen, wenn zugleich endlich die gesamte Finanzierung des Öffentlichen Verkehrs auf eine neue, vor allem transparente Grundlage gestellt würde. Es sollte endlich einmal Klarheit darüber herrschen, was wieviel kostet und wer eigentlich was finanziert. Die Region Stuttgart zum Beispiel versucht seit Jahren erfolglos herauszufinden, was der Betrieb des Stuttgarter S-Bahnnetzes eigentlich kostet - das ist Unternehmensgeheimnis der DB AG, die Region darf lediglich zahlen. Unerlässlich für mehr Transparenz wäre endlich auch eine neutrale Verwaltung des Schienennetzes. Dann würde deutlich, dass die Finanzierung von Infrastruktur auch weiterhin eine öffentliche Aufgabe sein sollte, während die effiziente Organisation von Transporten und Verkehren durchaus konkurrierenden Unternehmen überlassen werden könnte. Das ewige Geschacher um irgendwelche Mittel aus Dutzenden von Töpfen hätte endlich ein Ende. Es ist weder einsichtig, warum etwa Regionalbusse mit Schülerverkehrsmitteln finanziert werden noch, warum Länder und Kommunen der DB AG die Sanierung von Schienen und Stationen bezahlen, und diese dann hinterher wie aktuell beim Stadtbahnprojekt in Heilbronn die Nutzungspreise verzehnfacht. Offensichtlich ist hier genug Geld vorhanden, um mit den Regionalisierungsmitteln nebenbei auch noch die Sanierung der DB zu bezahlen. Da läuft irgendetwas falsch mit der ach so erfolgreichen Bahnreform...
(MS)
Marschbahn

SPNV-Finanzierung: Ewiger Streit ums Geld

Was kosten eigentlich Busse und Bahnen? Debatten um Mittelkürzungen zeigen: Eine Neuordnung der Finanzierung des Öffentlichen Verkehrs ist notwendig.

Die Wogen gingen mal wieder hoch, als Ende 2005 bekannt wurde, dass auch die neue Regierung plant, die milliardenschweren Bundeszuschüsse für den Schienenpersonennahverkehr (SPNV) zu kürzen.

Die allgemeine Empörung von Verbänden und Lobbyisten kam postwendend, doch dieses Mal gab es - anders als noch 2004 - kein Dementi aus dem Verkehrsministerium. Im Gegenteil, der neue Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee sieht bei den so genannten "Regionalisierungsmitteln" durchaus Einsparmöglichkeiten. Wenn nicht 2006, dann spätestens 2007, wenn mit den Ländern sowieso neu verhandelt wird.
Der Protest ist stets branchenübergreifend und einhellig: der Attraktivität des Öffentlichen Verkehrs (ÖV) in den städtischen Ballungsräumen ebenso wie auf dem flachen Land werde durch Kürzungspläne geschadet, die Chancen für eine umweltfreundliche Mobilität würden verschlechtert.

Undurchsichtige Finanzierung

Schon 2004 warnte der Verkehrsverbund Rhein Ruhr (VRR) vor "katastrophalen Folgen", wenn Linien und Taktfahrpläne gestrichen würden. Zugleich verwiesen Verbandsvertreter darauf, dass bereits die Zuschüsse für "Ausgleichszahlungen im Ausbildungsverkehr" bis 2006 bundesweit um mehrere hundert Millionen Euro gekürzt wurden. Änderungen bei der "Schwerbehinderten-Erstattung" führten zu weiteren Einnahmeverlusten.
Dass noch an weiteren Fronten gekürzt wird, beklagt auch stets der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV). So plante etwa auch die Föderalismuskommission, die Investitionsförderung nach dem Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz (GVFG) kurzfristig zu kürzen und mittelfristig in Milliardenhöhe ganz abzuschaffen.
Unfreiwillig haben die Verkehrslobbyisten damit auf das eigentliche Problem hingewiesen: das undurchdringliche Geflecht der gesamten ÖV-Finanzierung, das viele Experten schon lange mit Argwohn betrachten.
"Eine neue Finanzgrundlage für den ÖV ist dringend erforderlich", stellt etwa Matthias Lieb, Landesvorsitzender des Verkehrsclub Deutschland (VCD) in Baden-Württemberg fest. Natürlich koste ein guter Nahverkehr Geld, doch wie teuer dieser Verkehr eigentlich sein müsse und wie effizient er organisiert sei, stehe auf einem ganz anderen Blatt.
Die Regionalisierungsmittel sind dabei nur eine von mehreren Finanzquellen. Sie rührt daher, dass die Länder durch die Bahnreform von 1996 die Verantwortung für den regionalen Schienenverkehr mit S-Bahnen und Regionallinien erhielten.
Der Bund stellt hierfür im Zeitraum 2003 bis 2007 pro Jahr einen Sockelbetrag von 6,75 Milliarden Euro einschließlich einer jährlichen Steigerung von 1,5 Prozent zur Verfügung. Dieses Geld bekommen die Länder anteilig überwiesen, um damit Regionalzüge zu bestellen.

Kaum Wettbewerb

Eigentlich hatten die Macher der Bahnreform erwartet, dass auf diese Weise der Wettbewerb in Gang kommt und mittelfristig die Leistungen der Verkehrsunternehmen besser und billiger werden.
Doch fast zehn Jahre später fahren noch immer rund 90 Prozent aller Regionalzüge im vertrauten Rot des Monopolisten Deutsche Bahn AG (DB). Die meisten Länder reichten die Regionalisierungsmittel direkt an die DB weiter, so Lieb. Und mit zehn- bis zwölfjährigen Verkehrsverträgen zum Einheitspreis hat sich DB Regio in den letzten zwei Jahren diese Pfründe auch bundesweit für die Zukunft gesichert.
Dabei haben die bisherigen Wettbewerbsverfahren in Deutschland gezeigt: bei Ausschreibungen sinken die Kosten im Schienenverkehr in der Regel um 20 bis 30 Prozent, die Qualität wird fast immer merklich besser. ‹Man könnte also schon heute mit dem gleichen Geld wesentlich umfangreichere Verkehrsleistungen finanzieren", sagt der VCD-Experte.
Erschwerend kommt hinzu, dass viele Länder angesichts knapper Kassen eigene ÖV-Investitionen auf Null gefahren und Verkehrsprojekte auf Regionalisierungsmittel verlagert haben. So werden mancherorts mit den Bundesmitteln sogar lokale Busverkehre finanziert, nachdem zuvor Schienenstrecken stillgelegt wurden.
In Baden-Württemberg etwa will die Landespolitik die umstrittene Untertunnelung des Stuttgarter Hauptbahnhofes über Regionalisierungsmittel mitfinanzieren. Begründung: Stuttgart 21 diene ja auch einer Verbesserung des Regionalverkehrs. Dass bei der Verwendung der öffentlichen Gelder also noch nicht einmal zwischen Infrastruktur-Maßnahmen und dem reinen Verkehrsbetrieb unterschieden wird, macht das bisherige Fördersystem um so angreifbarer. Jeder Verkehrsfachmann weiß, dass rund Zweidrittel der SPNV-Kosten reine Netzkosten sind. Diese Gelder muss jedes Verkehrsunternehmen für die Benutzung von DB-Gleisen und DB-Bahnhöfen bezahlen.
Trotzdem fehlt an allen Ecken und Enden das Geld, um die gröbsten Mängel im Schienennetz zu beseitigen, wie der VDV 2004 in einer detaillierten Umfrage nachgewiesen hat. "Oft müsste erst mal in die Infrastruktur investiert werden, um den Schienenverkehr nach einem vernünftigen Konzept rationeller betreiben und ausweiten zu können", sagt Lieb.
So wundert es den Experten auch nicht, dass Politiker inzwischen noch mehr als früher den Eindruck haben, dass Busse und Bahnen Verkehrsprobleme nicht lösen könnten und deshalb den hohen Kapitaleinsatz der Öffentlichen Hand hinterfragten. Das Thema ist jedenfalls noch lange nicht vom Tisch. Spätestens bei den Revisionsverhandlungen für 2007 wird das Gezeter von vorne losgehen. Bundesverkehrsminister Tiefensee hat die Marschroute schon mal vorgegeben: Leider gäben die Länder "2006 nur fünf der sieben Milliarden Euro" der Regionalisierungsmittel tatsächlich für den Nahverkehr aus. "Mit dem Rest werden zum Beispiel Bahnhöfe verschönert oder Bahnhofsvorplätze gestaltet. Für diesen Zweck waren die Mittel aber nie vorgesehen."

INFO: Wer bezahlt was?


Die Finanzierung des Schienenverkehrs ist nach wie vor ein höchst bürokratisches und verschlungenes Feld. Im Prinzip gibt es derzeit folgende Finanzquellen:

Bundesschienenwegeausbaugesetz: Ähnlich wie bei Autobahnen fördert der Bund den Ausbau von DB-Strecken derzeit mit etwa vier Milliarden Euro jährlich nach dem Bundesverkehrswegeplan. Gefördert werden in der Regel politische Prestige-Projekte, und das, was die DB für den Fernverkehr als sinnvoll erachtet.
Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz: derzeit etwa 1,6 Milliarden Euro pro Jahr. 80 Prozent dieser Mittel gibt der Bund projektbezogen an die Länder weiter. Diese finanzieren damit neue Fahrzeuge oder Infrastrukturmaßnahmen.
Regionalisierungsmittel: vom Bund erhalten die Länder jährlich rund 7 Milliarden Euro für den Regionalverkehr. Eine Verwendungskontrolle war bisher nicht vorgesehen. Experten schätzen, dass rund eine halbe Milliarde Euro (!) von diesen Mitteln "zweckentfremdet" wird.
Eigenmittel von DB Netz: zuletzt bleiben noch die Mittel, die die DB selbst für das Netz zur Verfügung stellt. Der Bundesrechnungshof hat nachgewiesen, dass diese Quote mittlerweile auf zwei Prozent gesunken ist. DB Netz kassiert Gebühren in Milliardenhöhe für die Gleisbenutzung, investiert aber kaum noch. Die Gelder versickern stattdessen im DB-Konzern. Inzwischen hat auch die Verkehrsministerkonferenz Handlungsbedarf erkannt und fordert ein transparenteres Verfahren für die künftige Finanzierung der Eisenbahn-Infrastruktur. Experten sehen es außerdem als sinnvoll an, die Verantwortung für Strecken mit rein regionalem Charakter den Ländern zu übertragen.

anim

© SCRITTI-Text&Bild, Autor: Michael Schwager